IM 70.3 WM Clearwater Florida 2010

“Endlich Offseason!!! Ehrlich gesagt hab ich mir nichts mehr gewünscht, als nach einem Jahr Training nichts mehr zu tun, als mit der Familie Zeit zu verbringen. So einige, die spät in der Saison noch ein Rennen machen, können das wohl nachvollziehen. Doch dieses Jahr war für mich sportlich ein ganz besonderes. Das erste Mal mit einem extra für mich entworfenen Trainingsplan trainieren, den ersten IM 70.3 in St. Pölten als Testwettkampf (mit der Quali für Clearwater), den ersten Ironman in Regensburg und dann stand ich da: Im Terminal des Flughafens Tampa in Florida. Bis dahin doch eine gute Bilanz (wenn man das finanzielle mal weglässt ;-)).

Total platt von der 19 stündigen Reise bin ich froh zwei Kollegen von Hannes Hawaii Tours zu erblicken. Floh und Gael sind gekommen, um weitere ca. 40 Sportler in Empfang zu nehmen. Hannes hat insgesamt 150 Athleten und Begleiter untergebracht und kümmert sich die nächsten Tage um uns.

Als Begrüßung gibt es Hotelschlüssel, Wasser und ein Sub von Subways. Juchuhh, endlich essen.

Am Hotel angekommen wird (obwohl es schon mitten in der Nacht ist) das Rad montiert. Schlafen kann ich eh nicht und die Angst, es könnte was kaputt sein ist zu groß. Doch auch hier ist alles ok.

Alle sind total platt und glücklich. Nur ein Sportkollege hat einen gebrochenen Carbonrahmen. Ein Ersatzrad wird aber morgen bereit stehen.

Am nächsten Tag bloß schnell aufs Rad und die Gegend unsicher machen. Alles läuft super. Die nächsten Einheiten absolviere ich mit Benny, einem (jaja, ich weiß….) TRIABOLO. Doch entgegen aller Vorurteile ist der Typ schwer in Ordnung und wir werden die Zeit in Florida quasi als Team bestreiten.

Die Wettkampfbesprechung und die Nudelparty findet am Strand statt. Super Location! Wir freuen uns riesig und es gibt Gänsehautstimmung, als die Nationalflaggen hereingetragen werden. Zum Abschluss die amerikanische Nationalhymne: Live! (ich werde sie innerhalb der nächsten zwei Tage noch drei Mal hören…immer Live, das reicht für ein paar Jahre).

Peinlich ist jedoch, dass uns als Wettkampfbesprechung ein Standardvideo für einen kompletten Ironman (Langdistanz) vorgespielt wird. Keine Detailinfos zur echten Strecke. Im Anschluss nur die Entschuldigung “Äh, ja die Cut-Off Zeiten (maximale Dauer einer Disziplin. Bei Überschreitung wird man aus dem Rennen genommen) wären ja beim IM70.3 etwas kürzer”.

Das war echt arm und ich befürchtete der Wettkampf würde ähnlich gut organisiert sein. Wir werden sehen.

Checkin:

Vor der Wechselzone gab es kein Gedränge. Lediglich eine kurze Schlange bildete sich. Rechts und links von uns sitzen Leute mit Stift und Block und betrachten all unser Equipment. Die Jungs sind dann wohl die Quelle der Statistiken aller Tri-mag. Und ich kann die aus Hawaii  nur bestätigen (über 50% Zipp-Laufräder, hier herrscht eine Materialschlacht vom Feinsten).

An der Spitze der Reihe angekommen mache ich mich bereit für den Check wie er bei jedem Dorftriathlon durchgeführt wird. Helm aufsetzen, Nummer Zeigen, Check des Helmes und der Bremsen, kurzer Sichtcheck des Materials. Aber nein. Alles egal. Ich muss nur warten, bis ein Helfer kommt und mich zu meinem Platz geleitet. Ich hätte also auch mit einem Tretroller ohne Bremsen antreten können. OK!

Der Rest ist Routine. Rad einhängen, Beutel abgeben, Wege merken. Alles andere kommt am Wettkampfmorgen.

Wettkampftag:

Vier Uhr aufstehen. Wie immer Toast mit Honig. Dat lübbt. Ich mache mich auf zum “Bodymarking”. Vor der Wechselzone stehen Tische und gefühlte 3000 Helfer. Wer “frei” ist hebt den Edding in die Luft und schreit “BOOOODYMARKING”. An das Schreien werde ich mich gewöhnen, denn jeder Helfer, egal ob Einweiser, Wasserträger oder sonst was SCHREIT einen an, um sicherzugehen, dass man auch ja weiß was sein Job ist.

Ich geh also zum nächsten freien Platz. Meine Startnummer wird auf die Oberarme gemalt (und keiner weiß wofür man das heute noch braucht. Alle Daten sind eh digital über den Chip am Fußgelenk sofort auf allen Displays verfügbar).

Die einzige interessante Markierung für den ambitionierten (und ich meine es ist eine WM, da wird wohl jeder mehr oder weniger ambitioniert sein) ist die Markierung auf der linken Wade. Hier wird das reale Alter drauf gepinselt. So weiß man beim Radeln wie beim Laufen, ob es sich noch lohnt den vor sich zu überholen (in Bezug auf die Altersklassenplatzierzung).

Der Rest ist wie beim Checkin Routine: Radschuhe einhaken, Toilette, Flaschen ans Rad, Toilette, Essen aufs Oberrohr, Toilette, ab in den Neo…ab hier keine Toilette mehr ;-)

Ich werde nervös

Ich werde sehr nervös

Nationalhymne

nervös ist untertrieben

Start

Landstart, ich renne ins Wasser…ich renne durchs Wasser…. nach gefühlten 50m ist es tief genug zum Schwimmen. Ab geht’s. Wir haben leichten Swell (Neudeutsch für kleine Wellen). Schwimmen fällt mir leicht, daher habe ich damit kein Problem. Ich schwimme einen langen Schlag und alles läuft gut. Größere Rangeleien bleiben wegen des Wellenstarts aus.  Ca. 150m vor der ersten Wende (90grad) werden die Wellen höher und kommen aus mehreren Richtungen. Ich bemerke, dass mir leicht übel wird und ich entscheide mich öfter mal nach dem Weg zu schauen. Es wird besser. Nächste Wende… Oh Mist, die Sonne blendet extrem. Niemand kann den Rückweg erkennen. Jeder folgt dem Vordermann. Die Taktik geht auf und nach 29:50 min steige ich aus dem Wasser, reiße meinen Neo bis auf Hüfthöhe runter und laufe über den weichen Sandstrand in Richtung Duschenkanal. Durch die tiefstehende Sonne sehe ich nichts außer der Wand aus Wassernebel. Hinter der Dusche steht ein 2m Hüne vor mir und schreit “To the right”, was mir den Weg weisen soll zu den so genannten “Wetsuit Strippern”.

Hier schmeißt man sich einfach auf den Rücken, während schon im Flug zwei Helfer einem den Neo vom Körper reißen. Ich war noch nie so schnell aus dem Gummianzug raus. Weiter geht’s.

Ich suche meinen Beutel auf dem Boden. Sofort gefunden. Klasse. Rein ins Wechselzelt, raus zum Rad, rauf auf die Strecke.

Vollgas… auf den ersten 1,5km, denn dann kommt die erste (und letzte) Steigung. Ich hämmere die Brücke rauf. Noch geht das ja auch. Dann ist es relativ langweilig, ich fahre diverse Landstraßen in Florida ab (noch alleine). Mein Tempo bewegt sich zwischen 37 und 40 km/h. Ich bin zufrieden. Nach ca. 45km kommt der Wendepunkt und meine Beine werden schwerer. Ich habe ein mentales Tief. Zweifle. Hab ich doch zu wenig gemacht im Training? Dann überholt mich ein Pulk, darin ein Kollege aus der Reisegruppe, der mich ermuntert ich solle reinhauen. Und das mir… der Typ ist 51 Jahre alt. Ich bin sauer. Was soll ich tun? Alleine oder Pulk? Die Frage erübrigt sich, da ich in der Gegenrichtung nur noch Pulks hinter mir her hetzen sehe. Ich bin also auch so ein Bescheißer. Ich hänge mich rein. Erhole im Windschatten. Finde mich selbst doof und führe den Zug dann an. Ich wechsele in der Führung mit drei Leuten ab, darunter der Kollege. Insgesamt fahre ich ca. ein Drittel der Radstrecke im Windschatten. Die Strecke auf der zweiten Hälfte ist allerdings selbst mit dem Anspruch nicht Windschatten fahren zu wollen kaum alleine zu bewältigen. Die Fahrspuren sind viel zu schmal für die Masse an Radlern. Es ist eine gute Entscheidung die WM in Zukunft nicht mehr hier, sondern in Las Vegas (Strecke des Silverman Triathlons) zu veranstalten.

Ca. 10 km vor dem Rad Ziel wird es dann noch einmal spannend. Ich höre hinter mir leider ein heftiges knallen und den Sound von splitterndem Karbon. Ich drehe mich nicht um und trete in die Pedale. Glück gehabt. Ich bin durch gekommen. Die armen Kerle. Am Ende werden sagenhafte 98% aller Gestarteten das Rennen zu Ende bringen.

Kurz danach kommt die dritte und letzte Verpflegungsstelle. Ich halte mich ganz links und hoffe keinen Crash mit einer der fliegenden Getränkeflaschen zu machen. Auch das klappt. Jetzt nur noch die Brücke und ab in die Wechselzone. Nach 2:18,28 Std. hab ich das Radeln hinter mir.

Das Rad wird entgegengenommen. Und wieder: Beutel, Zelt, Rauf auf die Strecke.

Ich bin glücklich, kein Defekt. Jetzt bin ich sicher das Rennen zu finishen. Krämpfe kommen auf. Aber ich hatte mir doch geschworen nicht zu gehen. Die Krämpfe werden stärker, ich laufe wie ein Opa. Nein, durchhalten!!! Ich haue mir Salztabletten und Getränke rein. Keinen Kilometer später sind die Krämpfe verschwunden. Sauber! Brücke hoch (das erste von vier malen). Ich mache mein Rennen, mein Tempo. Bloß nicht zu schnell. Alles geht gut. Die Zeiten stimmen. Die Gesichter in der Hitze werden immer gequälter. Ich versuche nicht zu schnell zu werden, um nicht zu überpowern und dann mit Kreislaufproblemen abbrechen zu müssen. Es geht gut. Am Ende der zweiten Runde drehe ich noch einmal auf. Nach 1:28,04 Std. hab ich den Halbmarathon geschafft. Gesamtzeit: 4:21,15 Std.; Platz 27 der AK; Gesamt 202ter.

SUUUPER!!! Offseason. Wir gehen feiern. Die Nacht wird kurz, der Flug lang. Ich verliere wieder eine Nacht durch die Erddrehung und weil ich im Flieger nicht schlafen kann. Mein Jetlag ist brutal. Ich bin ca. 4 Tage platt. Heute geht es mir viel besser, ich bin erholt und habe mich nicht einmal erkältet. Naja, leider esse ich seit einer Woche nur Kuchen und son Zeug aber egal, OFFSEASON!!!!!!!

Es war auf jeden Fall ein super Trip. Ob ich das noch mal machen würde? Sechs Mal fliegen in fünf Tagen für 4,5 Stunden Wettkampf??? Klar!!! Beide Daumen hoch.

Nächste Saison wird lockerer. Geplant sind eine Mitteldistanz und evtl. die Regionalliga, wenn wir genug Leute zusammenbekommen…..und Kind Nummer zwei…. Naja, vielleicht wird die nächste Saison doch nicht lockerer ;-)

Autor

Andreas Krohn Andreas ist Gastautor bei krohnmedia.de Der Ironman- und Ironman70.3-WM-Finisher ist schuld, dass ich mich als Triathlet versuche...
Andreas ist auch bei Twitter und Google+ zu finden.
  • Benny

    Geiler Bericht! Aber so schlimm sind wir bei den Triabolos doch gar nicht.

    • http://krohnmedia.de/artikel/author/andreas/ Andreas

      Hi Benny,
      danke. Nee, hast Recht. Sooo schlimm seid Ihr gar nicht ;-)

  • Katrin

    auch noch mal hier: Glückwunsch!!! Was für eine Leistung und die dazugehörige Vorbereitungszeit, das gilt auch Deiner Familie. Wo bin ich da nur hineingeraten? Ich muss zugeben, Ihr habt mich angefixt, wäre gern dabei gewesen, aber wir haben Dich glücklicherweise ins Ziel laufen sehen, dank der Live-Übertragung. Lebendiger Bericht, mal sehn wie Du das noch toppst und hoffentlich können wir dann wieder dabei sein und rufen: “Siehst gut aus!!!” Mal sehen wie lange die Offseason anhält :o) Kekse gibt es bei uns :o)

    • http://krohnmedia.de/artikel/author/andreas/ Andreas Krohn

      Hallo Katrin,
      danke! Das mit dem Toppen lass ich mal langsam auf mich zukommen. Aber wer weiß… vielleicht heißt es ja in ein paar Jahren “Aloha” ;-)
      Gruß,
      Andreas

  • André Potdevin

    Hallo Andreas,

    wirklich ein schön geschriebener Bericht und eine super Leistung! Und das Lutschen ist unter den Umständen entschuldigt! ;-)

    Gruß,

    der China-Rahmen-Fahrer André

    • Andreas Krohn

      Hallo André,
      vielen Dank. War echt nett Dich auf der Weihnachtsfeier kennenzulernen. Bis Bald auf den Rennstrecken dieser Welt.

      Gruß,
      Andreas

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